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"Das Eismeer"/ "gescheiterte Hoffnung" 

Caspar David Friedrich


Auf den ersten Blick fällt mir auf, daß das Bild extrem zerklüftet und sehr realistisch ist. Ich fühle mich sich selbst in die arktische Landschaft hineinversetzt. Die Darstellung erzählt mir die Geschichte eines Schiffsunglücks mit tragischem Ausgang. Ein Bild des Schreckens... Trotz allem wirkt das Bild auf mich gleichzeitig sehr statisch, wie eingefroren. Keinerlei Dynamik überträgt sich zu diesem Zeitpunkt. Eine eigenartige Ordnung geht einher mit einer unglaublichen Spannung. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm, das Gefühl das hinter dem Eispanzer etwas ist, das jeden Moment "geschehen" wird. Ich bin überwältigt von dem Realismus, den das Bild vermittelt. Ist das etwa ein Foto? Aber was mich noch mehr bewegt ist, ob jemand an Bord wohl überlebt haben könnte. Und wenn dem so ist, ist es möglich, daß er dem ewigen Eis entkommen konnte, das dargestellt ist als endlose, sich bis weit über den Horizont erstreckende Kälte und Trostlosigkeit ? Was führte zu einer Situation wie dieser? Was bewegte die Besatzung in eine solche lebensverneinende Landschaft zu steuern? Man weiß ja aus Dokumentarfilmen von vielen Expeditionen in unerforschte Gebiete im neunzehnten Jahrhundert. Weiße Flecken auf der Landkarte füllen.. Diesmal war das Glück wohl nicht auf der Seite der tapferen Pioniere.

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Oder steckt hinter dem Bild mehr als nur die gescheiterte Expedition? C.D. Friedrich ist ja schließlich bekenndender Symbolist. Diese Bildanalyse soll das Zwielicht des Polartages ein wenig mehr aufhellen.

Entstanden ist das Bild 1823/24, also zu einer Zeit als Caspar David Friedrich (1774- 1840) bereits begann sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Er war verbittert über die Tatsache, daß seine Arbeit an Ruhm stark eingebüßt hatte. Neue Kunstrichtungen und Stile drängten nach vorn. Dennoch erlangte dieses Bild schon damals großes Ansehen. Das Bild trägt den Titel "Das Eismeer" oder "gescheiterte Hoffnung", wobei nicht klar ist welcher der beiden Titel vom Künstler selbst zuerst gewählt worden war. Das Bild selbst im Querformat angelegt und mit Öl auf Leinwand gemalt. Über die Struktur kann ich wenig sagen, da ich nur eine Kopie zur Verfügung habe, dennoch liegt eine feiner Farbauftrag mit sorgfältig gemischten Farben bei C.D. Friedrich sehr nahe, allein wenn man den hohen Grad an Realismus bedenkt.
Das Bild selbst zeigt als Hauptmotiv ein versinkendes Schiff zwischen gigantischen Eisschollen, bei dem nur noch das Heck aus dem gefrorenen Wasser ragt. Das Schiff selbst ist verschwindend klein auf der rechten Seite der aufgeschichteten, übermächtigen Eismassen, unterhalb des klar erkennbaren Horizonts, zu entdecken. Deshalb "entdecken", weil die vielen übereinandergeschobenen Eisschollen den Blick vom, wahrscheinlich in Wirklichkeit gar nicht einmal so kleinen, Schiff zunächst ablenken. Das das Schiff ziemlich groß sein muss sieht man an den Heckfenstern der Kapitainskajütte, die als kleine schwarze Rechtecke erscheinen, und in Wahrheit wohl übermannshohe Prunkfenster sind. Die "Entdeckung" des Schiffs 

Vergrößerung des Schiffes

kommt daher überaschend und gibt dem Bild von einer Sekunde auf die andere ein anderes Thema. Der statisch wirkende, dunkelblau bewölkte Himmel klart an der Stelle auf an der die Spitze des das Bild dominierenden Eisschollenkomplexes in den Himmel sticht. Man kann bei genauerer Betrachtung auch einige Bruchstücke des Schiffsmastes zwischen den Eisschollen verteilt entdecken. Vor allem links vom Hauptkomplex. Im Vordergund schieben sich Eisschollen wild übereinander, während vereinzelt Schneeflächen über dem ewigen Eis liegen. Gespickt mit wie Zahnstocher erscheinenden Mastbruchstücken. Flash- Bildführer (siehe Stichpunkt: Schiff) 

Das Bild wird an der Grenze zum oberen Drittel vom klar sichtbaren Horizont geteilt. In etwa der Mitte des Bildes findet sich außerdem noch eine weitere Linie parallel zum Horizont, welche das Bild nochmals in Vorder und Hintergrund teilt. Dies erzeugt eine gewisse Scenographie, 

Ebeneneinteilung

einen bühnenbildhaften Aufbau bzw. Ausdruck des Bildes, welche jedoch geschickt durch die Plazierung der Objekte überspielt ist, da diese über die einzelnen Ebenen hinaus ineinander greifen. Obwohl eine klare Perspektive gewählt ist und die Bildelemente realistisch skaliert sind lassen sich dennoch keine wirklichen perspektivischen Fluchtlinien ausmachen, was zur Spannung des Bildes beiträgt. Eine Ordnung ist dennoch gegeben, da zum einen praktisch alle Oberkanten der Eisschollen in der mittleren Ebene parallel nach links oben fluchten, und zum anderen eine Ausgewogenheit der Bildelemente gegeben ist. Je zwei Objekte lagern sich links bzw. rechts vom Zentralen Motiv an, wobei die linke Seite durch die perspektivische Verschiebung ein wenig nach oben verlagert ist. Insofern schlägt das Bild eine Brücke zwischen innerer Unruhe durch die vielen ungeordneten Linien und Elemente und der Ausgestrahlten Ruhe, die beim Betrachter Spannung hervorruft. Dies alles geht wie gesagt von den Parallelen, dem klaren Horizont und dem Himmel im Kontrast zur dargestellten Handlung (wobei die Handlung vom Betrachter erdacht wird, da sie ja bereits vorüber ist) aus. Erstaunlich scheint wieder, dass das Schiff eines der kleinsten dargestellten Objekte ist. Und das obwohl es recht weit im Vordergrund plaziert ist. 
 
 

(siehe auch: Flash-Bildführer)

Dem Betrachter kommt das Schiff winzig vor, man überlegt sich was geschehen sein könnte, wer an Bord war. Man soll die Übermächtigkeit der Natur sehen. Die gesamte Komposition zielt auf genau diesen Effekt ab. Zum einen die überdimensional großen Eisschollen, und ihr Verhältnis zum Schiff, und zum anderen der weit entfernte Horizont, welcher über die monotone Eisfläche, die nur hier und da von herausragenden Eisbergen durchbrochen wird, blicken läßt. Im Betrachter wird auch Einsamkeit und Hilflosigkeit hervorgerufen. Die Eischollen stehen deswegen mit ziemlicher Sicherheit für die Natur an sich und ihr gegenübergestellt ist der kleine machtlose Mensch, der der Natur, bzw. den Naturgewalten in keiner Weise gewachsen ist. Auch Arbeiten, die einen Menschen voll und ganz mit Ehrfurcht vor dem vom Mensch geschaffenen erfüllen, wie in diesem Fall das prachtvolle Schiff sind im Grunde nur eine Illusion. 

Der Farbverlauf

Farblich geht das Bild von Ockertönungen im Vordergrund zu einem hellen Ultramarinblau im Hintergrund über, was den Tiefeneindruck, die Weite (und dadurch die Einsamkeit) verstärkt. Auch die Dunkelheit, also die dunklen Stellen nehmen zum oberen Bildrand hin ab. Als dunkler Keil, der in den hellen oberen Teil hinein ragt wirkt wiederum der zentrale Eiskomplex. Die parallele Linie zum Horizont ist eine der wenigen Stellen im unteren, dunkleren Teil um die sich lichtere Partien anlagern. Durch die Dunkelheit des Vordergrunds im unteren Teil liegt hier ganz deutlich die Betonung, der Blickfang des Bildes. Der Horizont und der Himmel büßen an Wichtigkeit ein. Das ist auch gut so, da der Betrachter sich so voll und ganz dem ausformulieten Vordergund widmet. 

Tontrennung des Bildes












siehe: Flash- Bildführer

Die Belichtungssituation im Bild ist recht klar. An den Mastbruchstücken und am wolkenlosen Himmel in der Mitte des Bildes zeigt sich, daß das Licht, obwohl es im Bild selbst diffus wirkt, knapp über dem gewählten Bildausschnitt auf den Betrachter hin zeigt. Die Sonne (als bei einem realistischen Freiluftbild sichere Lichtquelle) kann unter Umständen Teil des Polartages sein, was die Statik und seltsam wirkende Spannung noch unterstreichen würde. Aus zahlreichen Vorskizzen der zugefrorenen Elbe Friedrichs zum "Eismeer" geht außerdem hervor, daß er enormen Wert auf Realismus gelegt hat, in jeder Hinsicht. Wohl um die Natur als möglichst glaubhaft darzustellen, um den Eindruck der Größe der Natur noch zu verstärken und die bizarre Schönheit des Eises mit der natürlichen Gewalt verschmelzen zu lassen. 

erweitert: Flash- Bildführer

Friedrichs Intention bei diesem Bild zu erfassen läßt sich auf unterschiedliche Weise gestalten, da das Bild in meinen Augen sowohl auf Friedrichs eigenes Leben, als auch als Mahnung an die Menschheit gesehen werden kann. Auch ein epochenspezifischer Hintergrund ist nicht auszuschließen. Friedrichs eigenes leben wird dann einbezogen, wenn man sieht, daß sein kleiner Bruder als kleines Kind ins Eis eingebrochen und ertrunken ist. Es könnte also eine Art späte Vergangenheitsbewältigung sein. Vielleicht wurde der Gedanke an den Tod seines Bruders zu diesem Zeitpunkt wiedererweckt, weil Friedrich sich in Gedanken ausmalte wie es im ewigen Eis sei, angeregt durch die Nordpolexpedition des Engländers Edward William Parrys im Jahre 1820. Allerdings vergißt eine solche Deutung die Tatsache, daß Friedrich eingefleischter Symbolist war und seine Bilder selten ohne sozial- politische Kritik, dargestellt in Allegorien und Symbolen konzipierte. Das Bild zeigt also wohl auch die Resignation über die nach den Freiheitskriegen gegen Napoleon nicht erlangte innenpolitische Freiheit. Noch immer waren die Landesfürsten streng im Bezug auf ihre Untertanen. Die Kälte der politischen Landschaft im "Vormärz" nach dem Wiener Kongreß (1815) war endgültiger Ansatzpunkt für Friedrich die nach 1819 eintretende Vereisung des Klimas in politischer und sozialer Hinsicht zu kritisieren und sich eine Meinung zu "bilden". Doch zeigt das Bild wohl auch einen Funken Hoffnung, welcher sich im aufklarenden Himmel manifestiert.
L-I-N-K-S